
Bevor Marx und Engels ihre revolutionäre Theorie entwickelten, war die Wissenschaft in sich selbst begründet. Sie erklärte sich gewissermaßen aus dem Überbau heraus und blieb in diesem geschlossenen System gefangen. Dabei betrachtete sie sich als Grundlage für die realen Abläufe in Natur und Gesellschaft, ohne deren tatsächliche materiellen Bedingungen zu hinterfragen.
Von Heinz Ahlreip, 20. März 2025, 18:19 h | Die idealistischen Philosophen als diplomierte Lakaien der Theologie sahen die Welt verdoppelnd natürliche und gesellschaftliche Prozesse als Wirkung einer außerirdischen Macht. Der Überbau zeugte sich, als stecke er in einer Blase, aus sich selbst. Noch Feuerbach sah die Perioden der Menschheit als Ausdruck religiöser Veränderungen. Gesellschaftliche Veränderungen sind nach ihm wesentlich religiös bedingt.
Das alles hat insbesondere Marx radikal umgestürzt und in der 11. Feuerbachthese zusammengefasst: Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt (so im Original) aber darauf an, sie zu verändern. Wenn Lenin festhält, dass sich die Arbeiterklasse das kulturelle Erbe der Menschheit aneignen muss, geht er von einer grundlegenden Umwälzung aus. Er betont, dass alle Errungenschaften der Wissenschaft und Technik sowie das Wissen der Spezialisten den vereinigten Arbeitern zugutekommen sollen. In der Formulierung „den vereinigten Arbeitern dienen“ spiegelt sich mehr als nur eine Forderung wider. Sie drückt ein neues Herrschaftsverhältnis aus, in dem die Mehrheit über eine Minderheit bestimmt. Gleichzeitig deutet sie auf eine veränderte Beziehung zwischen Basis und Überbau hin, die sich grundlegend von bisherigen Gesellschaftsstrukturen unterscheidet..
Wenn Wissenschaftler tätig werden können sie anknüpfen nur an dem vorgefundenen Wissensstoff, ohne gleich zu erfassen, dass dieser durch eine ökonomische Basis, durch eine jeweilige ökonomische Gesellschaftsformation untermauert ist, die der Entwicklung der Wissenschaft epochale Vorgaben macht, die Rahmen und tiefe wissenschaftliche Erkenntnis begrenzen. Die Grund- bzw. Umlegung der Welt der Wissenschaft auf eine ökonomische Basis erst durchbricht ihre bisherige Befangenheit als bloße transzendente Erscheinung, die durch mittelalterlichen Spuk und Aberglauben keine helle Aufklärung, sondern nur eine schattenhaft verzerrte, wenig emanzipativ wirkende hervorbringen konnte. Erst dadurch, dass man durch eine Umkehrung auf das Wesen der Sache stößt, zerstäuben die Wolken des Irrtums, so dass der Himmel des Kommunismus der Utopisten geerdet werden kann. Sie zogen dessen Konturen subjektiv aus ihrem Kopf, statt aus objektiver ökonomischer Entwicklung. Lenin bezeichnete nicht nur die idealistischen Philosophen als diplomierte Lakaien der Theologie, sondern auch die bürgerlichen Ökonomen als diplomierte Lakaien des Kapitals. Sie erweisen sich durch die Bank als überbauhörig, damit aber auch des Fetisch, den Privataustausch individueller Arbeitsprodukte als ewige Kategorie.
In Gesellschaften, in denen eine ausbeutende Minderheit die politische Macht innehat, sind der Höhe wissenschaftlicher Erkenntnis Grenzen gesetzt. Die jeweils spezifische stets exklusiv die Mehrheit besitzmäßig ausgrenzende Eigentumsform an den Produktionsmitteln bestimmt die auf Oktroyierung von Herr-Knecht-Konstellationen, die einen Ewigkeitsanspruch erheben und in denen von der Obrigkeit bestimmt nur verinnerlichend zu denken sei.
In Ausbeutergesellschaften gelingt es daher niemals, dass sich die Gesamtgesellschaft und eine wissenschaftliche Weltanschauung gegenseitig durchdringen. Es gibt stets eine Distanz zwischen der Wissenschaft und den Werktätigen. Das Kapital hat seine Krallen auf die Wissenschaft gelegt. Die Durchdringung der gesamten Gesellschaft durch den Marxismus-Leninismus muss zu dessen Aufhebung und zu einer rein kommunistischen Gesellschaft führen. In Ausbeutungsgesellschaften hingegen muss alles Wissen Stückwerk bleiben und fragmentarisch volksfeindlich die Massen abweisend Besitz und Bildung liieren. Erst im Sozialismus erhält die Wissenschaft eine ihr entsprechende Eigentums entgrenzte Basis. Eine ganze ökonomische Gesellschaftsformation – der Sozialismus – benötigt die unbegrenzte Wissenschaft und diese findet erst im Sozialismus vollendet ihre idealen Entwicklungsbedingungen. Der Abschluss der so abscheulichen, in Klassengesellschaft gespaltenen Vorgeschichte der Menschheit erst markiert den Beginn des Aufblühens der Wissenschaft. Jede Wissenschaft ist als eine prozesshaft sich entwickelnde, zugleich als ein gesellschaftlich bedingter Prozess der Erkenntnis der objektiven Welt zu denken, dessen Entwicklung sich aus den Bedürfnissen der gesellschaftlichen Produktion ergibt. Die Wissenschaft ist die Erkenntnis objektiver Wirklichkeit zwecks wissenschaftlicher Umgestaltung dieser. Das hat sich im Kapitalismus bereits abgezeichnet, aber erst nur negativ. Der Kapitalist beutet die Wissenschaft aus, er verbindet rein negativ die Wissenschaft mit der Produktion.
(Vergleiche Autorenkollektiv, Das philosophische Erbe W.I. Lenins und die Probleme des modernen Krieges, Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin, 1974, 216).
Die Gesellschaft nutzt die Wissenschaft zur Umgestaltung der Wirklichkeit aus. Die Wissenschaft kann sich erst auf dem Boden der Vergesellschaftung des Privateigentums an den Produktionsmitteln totalisieren im Sinne eines kollektiven Zusammenlebens der einzelnen Gesellschaftsmitglieder. Es wird sich zeigen, dass der Kern der Wissenschaft kollektiv angelegt ist. Die Wissenschaft und die Gesellschaft durchdringen sich zu einer Identität von gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Zielen. Die Wissenschaft dient nicht länger der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Die monistisch zu konzipierende Durchdringung von Wissenschaft und Gesellschaft schließt aus, dass zum Beispiel eine Theologie als geisteswissenschaftliche Disziplin sich die Erde als eine sekundäre Welt untertan macht. Es liegt im Sozialismus eine Umkehrung vor. Die Wissenschaft als Mittel der ständigen Verbesserungen der Bedingungen menschlichen Glücks, sie selbst im Kommunismus als eine unmittelbare Produktivkraft, was einen Vollzug des Atheismus gleichkommt. Eine Differenz zwischen Gesellschaft und Wissenschaft öffnet der Restauration des Kapitalismus ein Einfallstor.
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